Der Winter und der anhaltende Frost hatte den Boden steinhart werden lassen. Die zierliche Frau hatte ihre langen blonden Haare zu einem strengen Zopf zusammengebunden und eine schwarze Mütze übergezogen. Schweiß rann ihr über die Stirn und tropfte auf den glitzernden Schnee. Mühsam stieß sie den Spaten immer wieder in den Waldboden. Eine Sekunde hielt sie inne. Sie warf einen gehetzten Blick über die Schulter und vergewisserte sich, dass sie allein war. Dann griff sie in ihre Jackentasche und holte ein Polaroid Foto heraus. Die Szene musste schon einige Jahre alt gewesen sein. Damals waren ihre Haare kürzer und hellbraun gewesen. Sie hatte sie ihm zuliebe gefärbt, länger wachsen lassen und geglättet. Weil er auf Blondinen stand. Sie stand neben ihm, hielt seine Hand und strahlte über das ganze Gesicht. Es war ihr erster gemeinsamer Urlaub. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie sich sehen, glücklich und zufrieden. Nichts hatte ihre Laune trüben können...
Die Luft war eiskalt. Sie schmerzte in ihren Lungen aber sie hatte noch einiges zu tun, also holte sie erneut aus und trug Schicht um Schicht des gefrorenen Bodens aus. Der Spaten blieb im Boden stecken. All ihre Kraft half nicht, ihn wieder rauszuziehen. Wäre er doch jetzt hier um ihr zu helfen. Mit seinen kräftige Armen, die ihr bei ihrem ersten Treffen so imponiert hatten. Und seinen breiten Schultern, an die sie sich so gern angelehnt hatte. Er konnte sie vor allem beschützen, redete sie sich immerzu ein. Nur nicht vor ihm selbst. Die Schläge hatten nur wenige Monate nach den Flitterwochen begonnen. Jedesmal verzieh sie ihm, um ihn nicht zu verlieren. Den Mann den sie liebte. Wut stieg in ihr auf. Der Spaten löste sich. Sie musste einen Schritt nach hinten machen um wieder Halt zu finden. Ihr Stiefel stieß gegen die schmale Kiste die hinter ihr auf dem Boden stand. Ein Grunzen aus dem Inneren ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Sie musste sich beeilen. Nicht mehr lang und würde hell werden. Sie war beinahe fertig.
Sie warf den Spaten beiseite und stemmte sich gegen die eckige Kiste, die laienhaft aus Sperrholzbrettern zusammengenagelt war. Im Inneren regte sich etwas. Jemand trommelte wie wild gegen den Deckel. Erstickte Schreie drangen in die Nacht hinaus doch hier draußen würde man Wochen brauchen um die Stelle zu finden, dachte sich die junge Frau. Das Holz würde standhalten. Sie hatte sich im Baumarkt beraten und die Bretter zurechtsägen lassen. Für eine Hundehütte. Das war ihre Ausrede. Was für ein naiver Mitarbeiter dachte sie. Eine über zwei Meter große Hundehütte. Die Kiste begann sich zu bewegen. Immer weiter, bis sie mit einem dumpfen Pochen in das Loch stürzte. Die Schreie aus dem Inneren verstummten für einen Augenblick. Dann hörte sie ihren Namen. Panisch. Die nackte Angst schwang mit ihm mit. Die Stimme flehte. So wie ihre einst flehte, aufzuhören und sie zu umarmen statt zu schlagen. Sie brachte den Angstschreien ebenso wenig Mitgefühl entgegen wie einst er den Ihren.
Sie schnappte nach Luft und sah zum klaren Himmel empor. Der Mond war der einzige Zeuge für das was sie heute Abend getan hatte. Diese unaussprechliche Tat, eine um alles zu beenden. Sie schluckte das aufkeimende Mitgefühl herunter und griff nach dem Spaten. Tränen rannen über ihre Wangen. Es war ihr kein anderer Ausweg geblieben. Sie war wieder allein. So allein wie damals, als alles begann.
»Ich habe dich geliebt...«
Sie redete sich ein, dass er sein eigenes Grab schon vor langer Zeit geschaufelt hatte. Sie war lediglich verantwortlich für die entgültige Ausführung. Doch ihr eigenes Herz hat sie selbst begraben. In jener Nacht, in dem kalten Erdloch in dem auch er liegt. Für immer.
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