Die letzten Tage hatten den kleinen Ort frieren lassen. Obwohl es erst später Nachmittag war, dämmerte es bereits. Die Gaslaternen auf der schmalen Hauptstraße flackerten in unregelmäßigen Abständen. Aus einigen Fenstern fiel warmes Licht auf den gefrorenen Asphalt. Ab und an huschten Umrisse von Menschen hinter den Vorhängen vorüber.
Der Mann trug einen schwarzen langen Mantel aus feinem Cashmere. Die Hose des Maßanzuges folgte der leichten Brise träge, als er sich an den Straßenrand stellte und den Kopf gen Himmel streckte. Er atmete die eiskalte Luft tief ein. Während er die Asche seiner Zigarette beiläufig abschnippte, warf er einen Blick auf sein Mobiltelefon.
"Es riecht nach Schnee. Der Winter kommt dieses Jahr früh..."
Die schlanke, großgewachsene Frau hatte den fellbesetzten Kragen ihres dick gefütterten Mantels aufgestellt. Sie war äußerst jung für jemanden ihrer Position, wenngleich sie äußerst reif und erfahren wirkte. Ihre langen dunkelbraunen Haare fielen über den Pelz auf die Schultern und den Rücken. Die hohen Absätze ihrer Stiefel hinterließen keinerlei Abdrücke auf dem Rauhreif, der sich auf den Boden gelegt hatte. Es war, als wäre sie aus dem Nichts auf der Straßenkreuzung aufgetaucht.
"Ist mir aufgefallen."
"Haben Sie eine Ahnung, wo die Straße hinführt?"
"Nicht im Geringsten. Leider. Obgleich ich neugierig bin, was das Schicksal für mich, bereithält."
Er richtete seine Krawatte. Als er seinen Kopf ins fahle Licht einer der Gaslaternen drehte um die Straße entlang zu sehen, warf die Narbe, die seine Oberlippe spaltete und erst oberhalb seines linken Auges ein Ende fand, einen Schatten in sein Gesicht. Obwohl der Wind nun eiskalt durch die Straße wehte, schien er nicht zu frieren.
"Wenn Sie neugierig sind, warum entscheiden Sie sich nicht dafür, weiter zu gehen?"
"Nichts wird mehr so sein wie es ist. Verharre ich, könnte ich etwas verpassen. Gehe ich, verliere ich womöglich etwas. Im schlimmsten Fall alles. Egal wie ich mich entscheide. Alles wird sich verändern."
Sie schnaubte arrogant, fixierte ihn mit ihrem Blick, der ihn zu durchbohren schien und vergrub ihre perfekt manikürten Hande tief in den Manteltaschen.
"Der Preis der Entscheidung. Es ist kein Privileg, die Wahl zu haben. Wir haben sie immer. Es stellt sich leidglich die Frage nach der Qualität unserer Entscheidung und wem wir es damit recht machen wollen ... Mir ist es hier eindeutig zu kalt. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich auf der Stelle trete. Lassen Sie uns gehen. Irgendwohin! Stillstand ist nicht besser als der Verlust eines Teils. Wenn wir hier bleiben, erfriere ich noch."
Es hatte angefangen zu schneien. Er griff in die linke Manteltasche und steckte sich eine Zigarette an. Schneeflocken blieben auf seinem schwarzen kurzen Haar liegen. Er spähte hinaus in das Dunkel, in das die Straße zu führen schien. Um ihn herum begann der Schnee, Straßen und Wege zu bedecken.
Sie begann, sich in Bewegung zu setzen. Ihre Absätze schienen den Schnee nicht einmal zu berühren.
"Kommen Sie. So oder so, nichts wird so bleiben wie es ist. Sie können nicht einfach zurückgehen und so tun als wäre nichts geschehen. Früher oder später werden Sie sich vorwerfen, stehengeblieben zu sein."
Er machte einige schnelle Schritte, um sie einzuholen.
"Woher weiß ich, ob ich das Richtige tue? Wer sagt mir, dass ich es nicht bereue..?"
"Niemand."
"Aber..."
Er wurde jäh unterbrochen, als ihm eine Windböe eine Wolke aus aufgewirbeltem Schnee ins Gesicht trieb. Er hielt den Arm vors Gesicht. Als er sich wieder orientieren konnte, war er allein. Niemand ausser ihm stand auf der vollkommen verschneiten Straße. Als er sich umsah, stellte er fest, dass er wieder an jener Straßenkreuzung stand, an der er zuvor seine Begleitung traf. Er strich sich den letzten Schnee aus den Haaren und sah auf den Boden. Da waren nur seine eigenen Schuhabdrücke, die sich einige Male um die eigene Achse drehten.
Er wollte gerade überlegen, in welche Richtung er aufbrechen sollte. Da hörte er in der Ferne Schritte. Es war das Geräusch, das hohe Absätze in Schnee hervorrufen. Sie entfernten sich. Er ging die Straße entlang, hinaus aus der kleinen Stadt, in die Dunkelheit.
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